Online-Strategie der SPD: Klingeln und klicken

Die SPD hielt gestern in Augsburg ihren Bundesparteitag ab und präsentierte dort ihr Wahlprogramm für die Bundestagswahl im September. Während der Rede von Parteichef Gabriel bin ich auf den folgenden Tweet einer SPIEGEL-Redaktuerin aufmerksam geworden:

„Das Internet“ vs. Klingelknopf. Die SPD schafft gerade neue Absurditätskategorien. #spdbpt

— Annett Meiritz (@annmeiritz) 14. April 2013

Annett Meiritz

Das hört sich natürlich erstmal ziemlich wild an. Wieder so eine Aussage eines Politikers, der anscheinend die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und gegen „dieses Internetz“ wettert. Doch, lesen wir doch einmal genau nach, was Gabriel wörtlich gesagt hat. Und die folgenden Aussagen sollte jeder CDU-Stratege und -Wahlkämpfer auf sich wirken lassen und vielleicht auch ein zweites Mal lesen:

Und denkt dran: Der Wahlkampf ist erst vorbei, wenn die Wahllokale schließen. Genau das übrigens können wir von den Genossinnen und Genossen aus Niedersachsen lernen, wo wir eine schwarz-gelbe Landesregierung in der Schlussphase der Mobilisierung noch abgelöst haben. […]

Deshalb nutzt jeden Tag bis zum 22. September für Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern, für Hausbesuche in Stadtteilen, Siedlungen und Quartieren, möglichst da, wo wir vielleicht schon länger nicht gewesen sind. Macht genau das, was die Genossinnen und Genossen erfolgreich in Bremen, in Frankfurt, in Wiesbaden und anderswo gemacht haben.[…]

Raus auf die Straße! Hin zu den Menschen! Und das wichtigste technische Hilfsmittel, liebe Genossinnen und Genossen, ist nicht das Internet, sondern der Klingelknopf an der Haustür, damit uns aufgemacht wird und wir mit den Leuten reden können. Mehr technische Hilfsmittel brauchen wir nicht […].

Sigmar Gabriel auf dem SPD-Bundesparteitag am 14. April 2013 in Augsburg

Klingt doch schon in konkreten Zusammenhang nicht mehr krude, sondern im Gegenteil: wie bereits seit Ende des letzten Jahres mehrfach berichtet, setzt die SPD offenbar sehr stark auf eine Tür-zu-Tür-Kampagne und möchte damit ca. 4 Millionen Wähler in Deutschland kontakten. Nicht bloß in der Fußgängerzone Zettel verteilen, sondern anscheinend systematisch und organisiert (siehe unten) die eigenen Hochburgen abgehen und die potenziellen Wähler herausklingeln. Dies ist eine direkte Konsequenz aus den letzten US-Präsidentschaftswahlkämpfen.

Man kann nun darüber spotten und auch behaupten, dass Tür-zu-Tür zwar vielleicht in den USA funktioniert, aber nicht hier bei uns. Allerdings ist es kein wirkliches Geheimnis, dass gerade diese persönliche und direkte Ansprache der Bürger Wirkung erreicht (siehe Zitat von Gabriel oben in Bezug auf Niedersachsen). Die SPD unternimmt nun den Versuch und wird daraus Erkenntnisse gewinnen, die andere Parteien nicht haben (und dadurch haben können).

Klingelknöpfe an der Tür & Tasten am Rechner drücken

Und: natürlich setzt die SPD dabei sehr stark auf das Internet. Passend zu den ambitionierten Ankündigungen von Gabriel wurde gestern die Plattform mitmachen.spd.de live geschaltet. Mathias Richel, beratend tätig im Onlinewahlkampf der SPD, begleitete den Start mit einem aufschlussreichen Blogpost zur Entwicklung und Ausrichtung der Plattform. Anhand seiner Ausführungen kann man nachvollziehen, dass es der Anspruch der SPD ist, nicht nur eine trendige Mitmach-Community aufzubauen, sondern die Unterstützer „zum Laufen“ zu bringen. Klingelknöpfe an der Tür UND Tasten am Rechner drücken scheint hier das Motto zu sein. Die SPD kann am Ende viel genauer wissen, ob und wie die sich die eigenen Mitglieder mit Hilfe des Internet organisieren und anleiten lassen und daraus die Konsequenzen für kommende Kampagnen ziehen.

Man muss solche Ankündigungen immer mit gebotener Vorsicht und dem nötigen Abstand betrachten. Die SPD und ihr Spitzenkandidat Steinbrück haben in den vergangenen Monaten nicht unbedingt gezeigt, dass sie „Wahlkampf können“. Ich erinnere mich auch an eine sehr schonungslose Abrechnung und Analyse eines ehemaligen Online-Wahlkämpfers in der SPD-Zentrale. Dennoch lohnt es sich wohl genau zu zusehen, wie sich die neue Plattform in der Praxis bewährt.

Bildquellenangabe: Peter Smola / pixelio.de