Über „echte“ Politik-Punks und Meinungsforschung mit Twitter

So kurz vor dem Jahreswechsel möchte ich noch kurz zwei Altlasten aus 2012 „loswerden“, die ich nicht mit in das neue Jahr 2013 mitnehmen möchte: ein Interview mit den Bundestagsabgeordneten Peter Tauber und Lars Klingbeil sowie eine Aussage von Prof. Karl Rudolf Korte zu Twitterprognosen.

 

Wahlprognosen mit Twitter?

Zum einen ist da der Beitrag von Prof. Karl Rudolf Korte in der Süddeutschen Zeitung von Anfang Dezember. In einem Gastbeitrag  vergleicht er den Wahlkampf von Kanzlerin Merkel und US-Präsident Obama. Natürlich kommt er dabei auch auf den Online-Wahlkampf zu sprechen und hebt dabei hervor, wie wichtig und erfolgsversprechend die Verknüpfung von digitaler und analoger Kampagne sei. So weit, so gut. Gestolpert bin ich aber über die folgende Aussage des bekannten Politikwissenschaftlers aus NRW:

„Wem Wähler wie vertrauen, dies kann man heute technisch über Twitter messen.“ (Prof. Karl Rudolf Korte, SZ vom 04.12.2012/fzg)

Bei allem Respekt: aus meiner Sicht ist dies ein ziemlich unglückliche und missverständliche Formulierung. Über Sinn und vor allem Unsinn von Prognosen auf der Grundlage von Tweets haben Andreas Jungherr, Pascal Jürgens und Harald Schoen schon Ende 2010 das Notwendige geschrieben. Außerdem erscheinen mir solche Aussagen  – besonders von einem Wahlexperten wie Herrn Korte – zumindest vorschnell, solange nur knapp 2% der deutschen Online-Nutzer angeben, dass sie Twitter häufig aktiv nutzen (siehe die Zahlen aus der aktuellen ARD/ZDF Onlinestudie) und es keinen Grund gibt, davon auszugehen, dass diese eine repräsentative Teilmenge der deutschen Gesamtbevölkerung stellen.

Echte Punks in der Netzpolitik?

Zum anderen ist da das flauschige Interview der WELT am Sonntag („Die große Koalition für das World Wide Web“) mit den beiden Bundestagsabgeordneten und Netzpolitikern Lars Klingbeil (SPD) und Peter Tauber (CDU). Darin plaudern die beiden sehr nett miteinander über wichtige Netzthemen wie die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft, politische Kommunikation in sozialen Netzwerken, die Debatten zu Netzsperren und Datenschutz, aber auch über Fussball. Kurz: alles harmlose Themen, über die es in den etablierten Parteien keinen Streit mehr gibt und bei denen auch die jeweiligen Rechts- und Innenpolitiker nicht kurz vor Weihnachten noch aufgeschreckt werden könnten.

Wirklich ein ganz sympathisches Interview, fand auch Peter Altmaier. Aber: kein Wort zum geplanten Leistungsschutzrecht, das sehr heftig diskutierte und kritisierte Gesetzesvorhaben der Regierung im Bereich der Netzpolitik. Das ist schon eine enorme Leistung für selbsterklärte Politik-Punker (siehe erste Frage des Interviews), die nach eigener Aussage das klare Wort bevorzugen und gerne auf Konfrontationskurs gehen. Beide Abgeordneten hätten doch sehr gut über Ihre unterschiedlichen(?) Positionen zum Leistungsschutzrecht sprechen können. Auch auf entsprechende Nachfrage via Twitter habe ich von beiden keine Reaktion erhalten. Schade, denn so scheint es hier einen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu geben.

PS: Die WELT am Sonntag gehört bekanntlich zum Springer Verlag, einem sehr engagierten und exponierten Befürworter dieses Gesetzes.

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